Was ist mehr wert: Das einfache Gebet, die naive Frömmigkeit, „einfach“ glauben? Oder das Studieren, das theologische Lernen, das Sich-Auskennen in der Bibel?
„Rabbi Elieser lehrte, das Gebet übertrifft die guten Werke.“ (Berachoth, Talmud)
An anderer Stelle heißt es in der jüdischen Überlieferung allerdings:
„Das sind die Dinge, von welchen der Mensch die Früchte (schon) in dieser Welt genießt, aber der Grundbestand bleibt ihm für die kommende Welt. Und das sind sie: Elternehrung, Wohltätigkeit, Besuch des Lehrhauses morgens und abends, Gastfreundschaft, Krankenbesuch, Ausstattung von armen Bräuten, Totengeleit, Aufmerksamkeit beim Gebet, Friede stiften zwischen den Menschen – aber das Lernen der Thora wiegt alles andere auf.“
Gebet oder Studium? Ben-Chorin stellt fest, dass es zwischen der Betonung des Gebets bei Rabbi Elieser und der Hochschätzung des Schriftstudiums in der Mischna keinen wesentlichen Unterschied gibt: „Denn Gebet und Studium gehen im Judentum doch so stark ineinander über, daß sie kaum voneinander zu trennen sind.“
Studium wird als Gebet verstanden und Gebet als Studium. In beidem geht es um die Erkenntnis Gottes und die Transformation des Menschen. Deshalb ist das jüdische Schriftstudium immer in den Kontext des Gebets eingebettet: Weil es selbst als Gebet verstanden wird; und weil es, wie das Gebet, die transformierende Wirkung des Lernens und Studierens erwartet, erhofft und erstrebt. Beides gehört untrennbar zusammen (ein Wunsch, aus dem übrigens sich auch der Name diese Blogs ableitet).
Vor dem Hintergrund der verschiedenen Begabungen und Zugangswege des Glaubens ließe sich vielleicht noch hinzufügen: Man muss kein Gelehrter des Wortes sein, um zu beten. Aber man kann kein Gelehrter des Wortes sein, ohne zu beten.
Gestern war 
